Gedankenkarussell: Stress lass nach!

Neuerdings erscheint es mir, als wären wir wieder im Kindergarten gelandet. Zwar wird nicht um das beliebteste Spielzeug gestritten oder wer beim Fasching das schönste Kostüm trägt, sondern der Kindergarten 2.0 dreht sich um das Stresslevel. Und das scheint bei vielen weit höher zu liegen als bei Jack Bauer in 24.

Der Clou: die Zeit ist trotzdem da, den Stress auf verschiedenen Plattformen zu kommunizieren.

Wir kennen sie alle, wir haben sie alle – verdammt stressige Phasen. Tage, Wochen oder Monate, in denen wir ganz schön rudern müssen und die jeden Menschen mal erwischen. Rückblickend war das Abitur kein Stress für mich, auch wenn ich es gern so darstellte, damit ich sonntags nicht die Treppe putzen musste (good old times…). Der Stress fing eher mit dem Studium an, in dem seit der Bachelorreform jede Note zählte. Aber wollte ich den Druck mein Leben bestimmen lassen?

Es war und ist ein langer Prozess, dem Stress die Macht über mein Leben zu nehmen. Während meiner Bachelorarbeit schien damals alles zusammenzubrechen, denn nicht nur nervlich war ich durch, meine Unzufriedenheit strahlte auch negativ auf mein Umfeld aus – alle Beziehungen wurden auf eine harte Probe gestellt. Zwar habe ich mich im Master noch einmal ein ganzes Stück weiterentwickelt, aber die Angst vor der Masterarbeit im letzten Semester blieb mein ständiger Begleiter.

Wozu gibt es Selbstliebe und innere Stärke – man muss eben nur mal anfangen, sich selbst weiterentwickeln zu wollen.

Und dann akzeptierte ich, dass es sechs Monate meines Lebens wären. Sechs Monate, die verdammt hart werden würden, aber in denen ich nicht pausenlos rumheulen wollte. Kein Rumheulen mehr, dachte ich nach einem Streit zuhause. Wozu gibt es all die Ratgeber da draußen?

Seither bin ich selbst mein Hauptprojekt. Und während ich jeden Tag versuche, achtsamer zu werden und an meinem Denken zu arbeiten, pflege ich meine Social-Media-Kanäle und es ist, als würde ich mit dem Rauchen aufhören wollen, während alle um mich herum qualmen.

Stress ist da, um durchlebt zu werden und eine Resistenz* zu entwickeln (*die man online vergeblich sucht)

Ich denke, Stress ist in unserer Gesellschaft und besonders beim Heranwachsen unausweichlich. Man muss ihn spüren und durchleben, um für sich aushandeln zu können, mit wie viel Stress man leben kann und will. Es gibt Menschen, die das Gefühl der näherrückenden Deadline und der verrinnenden Zeit brauchen, um ihre Produktivität zu boosten. Viele Workaholics spüren sich selbst am meisten, wenn sie auf der Stresswelle surfen. Andere Menschen akzeptieren die Phasen als begrenzten Zeitraum ihres Lebens und versuchen das Stresslevel mit sorgsamer Vorbereitung und Planung klein zu halten, also die verfügbare Zeit voll auszunutzen.

Und dann gibt es neben den Kontakten aus Leben (die Nachbarin…) und Job (die Kollegin…), die gerne darüber lamentieren, wie hart und stressig ja alles bei ihnen ist, im Social-Media-Zeitalter noch eine weitere Gruppe von Menschen. Du weißt nicht, dass XY Stress hat, weil ihr gestern Abend telefoniert und dabei die neue Folge Riverdale geschaut habt – nein, du weißt es von Facebook. Oder Twitter. Oder Instagram, wo die Leidensgeschichte mit einem Sonnenuntergangs-Foto aus dem letzten Bali-Urlaub gepostet wurde. Vielleicht weißt du es aber auch, weil die Person sich heulend bei Snapchat gefilmt hat. Soll es ja alles geben.

Natürlich sollte man sich mitteilen. Reden hilft. Sich Dinge von der Seele zu schreiben, hilft. Aber jeden Tag posten, dass man Stress hat – hilft das?

Not-Anrufe bei den Eltern sind ein Recht, das hoffentlich viele mit der Geburt erworben haben. Auch die Momente, in denen man sich bei der Freundin auf’s Bett wirft und den Frust rauslässt, sind gut und notwendig für die Seele. Der Mensch sollte sich seinen Vertrauten mitteilen, sei es nun der Familie, den Freunden, der Therapeutin, meinetwegen selbst betrunken vier Uhr nachts dem Taxifahrer. Bezugspersonen sind wichtig. Aber müssen es zwangsläufig die zweitausend Menschen sein, die einem in den sozialen Netzwerken folgen? Wo kommt dieses Verhalten her?

Das Mitteilungsbedürfnis ist gewiss eine Sache. Auf welche Weise, wie oft und ob überhaupt entscheidet jedes Individuum alleine. Dank Facebook sind Begriffe wie Freund ohnehin schon vor vielen Jahren unscharf geworden. Wer will heute schon so einen ikonischen Moment durchleben wie einst in Grey’s Anatomy, als Izzy nach dem Tod ihres Mannes (derzeit Negan in The Walking Dead!) auf dem Badezimmerboden lag und sich alle jungen Ärzte abwechselnd zu ihr gelegt haben, um bei ihr zu sein? Da sind vielen bestimmt die oberflächlicheren Beziehungen lieber.

Gibt es irgendwo was zu gewinnen?

Gibt es irgendwo eine geheime Organisation, von der ich nichts weiß, die am Ende des Jahres eine Medaille an den überreicht, der am häufigsten kommuniziert hat, dass er Stress hat? Oder ganz böse gefragt: wollen diese Menschen Mitleid, Anerkennung – was zum Himmel bezwecken sie denn damit?

Letztens schrieb mir mein Freund eine Nachricht mit den Worten: „Woran merke ich diese langen Tage? Daran, dass mein Akku um 22 Uhr noch voll ist.“ Genau – ich auch! Denn an besonders stressigen Tagen vergesse ich manchmal sogar zu essen und das ist mir tendenziell wichtiger als mein Smartphone. Mein Freund ist sowieso jemand, den ich für seine Stressresistenz bewundere – er macht so viel, ist diszipliniert und sein Studium unglaublich hart. Nicht umsonst haben meine beste Freundin und ich einst beschlossen, wir sollten beide nicht rumheulen, immerhin könnten wir kein Fahrassistenzsystem entwickeln (und haben darauf getrunken).

Bei Menschen, denen ich gerne folge, weil sie mich inspirieren, fällt mir sogar auf, wenn es online ruhiger um sie wird: dann stelle ich mir vor, wie sie gerade die Welt erobern und eifrig an Projekten arbeiten und bin gespannt, davon zu erfahren. Und selbst wenn keines von beidem der Fall ist – das Privatleben spielt sich offline ab.

GNSSB: Germany’s Next Super Stressed Blogger?

Ich lese es recht häufig, dass Blogger sich entschuldigen, wenn es bei ihnen ruhiger wird, weil – ja, ratet mal! – sie gerade Stress haben. Aber gibt es wirklich Menschen, die sich beklagen, wenn mal zwei Wochen kein Beitrag kommt? Und selbst wenn – wieso muss man sich rechtfertigen und entschuldigen, wenn man gerade mal keine Zeit und Muße hat, sich seinem Hobby zu widmen? Das Schreiben ist ein kreatives Handwerk – der Text schreibt sich nicht von allein, sondern man braucht Ideen, Input und Zeit. Wo man in Job und Uni fristgerecht abliefern muss, ist der eigene Blog doch ein Ort der Freiheit. Alles kann, nichts muss.

Jeder Literaturverrückte wird zudem wissen: die Leipziger Buchmesse steht vor der Tür! Auch das bringt bei einigen schon jetzt das Blut in Wallung – entweder die Termine liegen so eng, dass es stressig wird oder einige sind gestresst, weil sie keine Termine haben. Also bitte! Warum geht man auf die Buchmesse? Ich hoffe doch, wegen der Bücher und dem Flair, nicht um von Termin zu Termin zu hetzen.

Zwar verdrehe ich in diesen Momenten Blair-Waldorf-like die Augen, aber ich verstehe den Druck nicht, den manche Blogger sich selbst machen. Geht es um Zahlen? Oder bezahlt das Bloggen schon ihre Rechnungen und sie müssten vielleicht unter der Brücke schlafen? Ich meine, bei einem ihrer Follower würden sie schon unterkommen, oder?

Jetzt mal ohne Witz: chillt mehr! Wenn ihr schon mehrere Baustellen habt, öffnet nicht noch eine weitere. Liebt euch selbst und nehmt den Druck aus dem Ganzen – selbst wenn ein oder zwei Wochen mal nichts kommt. Pausen sind okay. Es ist nett, wenn ihr Erklärungen abliefert, aber manchmal geht eurer Leben auch nur euch selbst etwas an.

Lösungsvorschläge, weil ohne geht hier ja auch nichts!

Ich möchte meine Beobachtungen der vergangenen Wochen nicht einfach so im Raum stehen lassen. Nein, ich habe irgendwie das Bedürfnis, Lösungen anzubieten. Dabei ist das ja ebenso tricky – wer kennt sie nicht, die Leute, die für jede eurer Lösungen drei weitere Probleme aus dem Hut zaubern? Manchmal fragt man sich, wieso man sich überhaupt die Mühe macht, aber genauso gut kann es ja sein, dass ihr jemanden inspiriert, sein Leben in die Hand zu nehmen und aktiv etwas an seiner Situation zu ändern.

  • Grundsätzlich: Fokussiere die guten Dinge, das Positive in deinem Leben. Los, du findest was, selbst in stressigen Zeiten! Frag dich genau, was es dir bringt, deinen Gedanken jetzt ins Social-Media-Universe zu schicken und was du dir davon versprichst! Macht es deine Situation besser? Und was bringt es denen, die das lesen – gibst du ihnen damit positive Gedanken/ Inspiration?
  • Du weinst, weil du es nicht schaffst zu lesen oder etwas anderes für dich zutun? Probiere die Power Hour Method von meinem Lieblingsblog.
  • Man sagt, 31 Tage muss man etwas regelmäßig tun, damit es zur Routine wird. Wieder mit dem Yoga anzufangen, war eine der besten Entscheidungen, die ich seit langer Zeit getroffen habe und diese Challenge hat mir geholfen, am Ball zu bleiben: REVOLUTION: 31 Days of Yoga with Adriene
  • Ein Artikel mit vielen Impulsen: 13 Easy Things You Can Do to Reduce Stress and Lead a Less Hectic Life
  • Und ein Buch-Tipp darf an dieser Stelle auch nicht fehlen: Getting Things Done. The Art of Stress-Free Productivity von David Allen.

Auch wenn es der Wahrheit entsprechen mag und sich hinter den Postings keine geheimen Wünsche verstecken, supportet zu werden oder Mitleid zu erhaschen, sondern vielleicht einfach ein anderes Ventil fernab von Social Media fehlt, gefällt es mir nicht, welche Entwicklung das vollzogen hat. Da will man ja jeden zweiten fast auf die Couch packen, weil man fürchtet, die übernehmen sich!

Denken wir alle einmal über unsere Selbstdarstellung im Netz nach und wie das auf Jüngere wirken mag. Anstatt sich gegenseitig zu inspirieren und Positives zu teilen, schmeißt man sich den Workload um die Ohren? Ich finde, Stress ist es nicht wert, dass man sich damit schmückt und dass man ihm so viel Raum bietet, sich zu entfalten. Es ist kein Wettbewerb, also tun wir nicht so, als wäre es einer.

Was denkt ihr zu dem Thema?
Und was sind eure Strategien, um dem Stress entgegenzuwirken?

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2 Comments

  1. Rieke
    26. Februar 2017 / 11:18

    Ein super Artikel ! Total ehrlich und authentisch. Gerade in Hinblick auf die Masterarbeit, den Job und die Beziehung und Freunde kommt es einem wirklich häufig so vor, als würde man ständig die Hälfte vernachlässigen und gar nichts mehr im Griff haben. Aber wie du geschrieben hast, weinen bringt rein gar nichts- im Gegenteil, es bremst einen nur aus. Mir hat dein Post auf jeden Fall neuen Mut und Durchhaltewillen gebracht! Vielen Dank 🙂
    Hast du deine Masterarbeit denn schon fertig?

    • 26. Februar 2017 / 13:51

      Dankeschön Rieke, das bedeutet mir viel. <3 Ich muss die Arbeit Anfang April abgeben, aber ich bin guter Dinge - der März wird richtig durchgepowert und dann bin ich erlöst. 🙂
      Liebe Grüße
      Laura

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