Mehr Mut zum freien Fall

Die Momente häufen sich, in denen ich mich frage, wie hoch der Preis für ein Leben ist, das in vollen Zügen gelebt wird. Ein Leben jenseits der Angst, womöglich eine Grenze zu überschreiten, die oftmals hausgemacht ist. Was würde passieren, täten wir mitunter genau das, was unser Herz, unser Bauch uns zuflüstert? Würden wir uns verbrennen, wenn wir diesen einen Menschen küssen, den ungeliebten Job kündigen oder mit einem Klick unsere intimsten Gedanken teilen? Würde es wehtun und uns schaden oder uns womöglich befreien? Ich ahne die Antwort; ich weiß die Antwort. Und ich glaube, du auch.

Anstatt zu schauen, was passiert, wenn wir unseren Gefühlen nachgeben, sitzen wir lieber schweigend neben dem Menschen, den wir lieben, in einer Bar – und halten das Ungesagte aus, als zu benennen, wie und was wir fühlen. Stehen uns nachts auf der Straße gegenüber und lassen Momente vorbeiziehen, aus denen mehr hätte werden können. Und tauschen verzagte Blicke, wenn wir uns fernab von Alkohol und gemeinsamen Freunden begegnen. Was würde passieren, wenn ich dich küsse, frage ich mich still und heimlich, gerade als du dich zu mir lehnst und wissen willst, wie oft ich dem, was ich wirklich will, nachgebe. Du weißt es, ich weiß es, ich sage: Nicht oft, zu selten. Und bei dir ist es ähnlich. Irgendwann sind wir beide vielleicht nur noch eine große, verpasste Chance, entstanden aus vielen kleinen Momenten, in denen die Angst zu groß war. Die Vorstellung ist so grauenvoll, dass ich mich frage, was das Worst-Case-Szenario wäre, wenn ich einfach die Initiative ergreife – Zurückweisung, mindestens ein gebrochenes Herz, die Erkenntnis, das Leben könnte nicht für mich sein, zumindest dieser eine Mensch nicht. Und so verharre ich einen Moment länger in meiner Angst und die Möglichkeit zwischen uns zerfällt einmal mehr.

»Irgendwann sind wir beide vielleicht nur noch eine große, verpasste Chance, entstanden aus vielen kleinen Momenten, in denen die Angst zu groß war.«

Anstatt zu springen und auf die Suche zu gehen, bleiben viele von uns bei dem, was sie kennen. Im sicheren Hafen, in der Hoffnung, die Erfüllung käme zu ihnen. Vielleicht klopft sie irgendwann an, dann müssen wir nur die Tür aufmachen und sind beseelt. Doch in mir drängt sich die Vermutung auf, dass das Losgehen für sich selbst unvermeidbar ist – dir können alle Dinge der Welt zufliegen oder in den Schoß gelegt werden, aber welchen Wert schreiben wir ihnen noch zu, wenn wir nie dafür aus uns Herauskommen oder Warten oder Hoffen mussten?

»Wir verbringen so viel kostbare Lebenszeit in der Sphäre nicht getroffener Entscheidungen.«

Wir können kurz davor stehen, unseren Job hinzuwerfen, das Sicherheitsnetz – aus Freunden, die dir ihre Couch anbieten oder Geld leihen, deiner Lebenserfahrung, deinem gesunden Menschenverstand – bereits unter uns aufgespannt sehen und eigentlich bereits wissen, dass nichts wirklich Schlimmes passieren kann, wenn wir jetzt springen. Und doch verharren wir einen Monat mehr im sicheren Job, der keinen Spaß macht. Und einen weiteren. Vielleicht noch viel länger, weil wir uns plötzlich sorgen, ob das nicht doch nur Jammern auf hohem Niveau ist oder unser Anspruch auf Erfüllung nicht mit der Realität kompatibel. So bleiben wir, zerreden uns selbst und der Kopf findet Gründe in einer Sprache, die das Herz nicht sprechen will. Ich frage mich, warum wir so lange warten. Bis der Leidensdruck zu viel wird – immer eine Schippe mehr, bis man irgendwann so ausgebrannt ist, dass man nicht mehr kann? Wieso tun wir uns das an?

Wir verbringen so viel kostbare Lebenszeit in der Sphäre nicht getroffener Entscheidungen. Zeit, von der wir nur wissen, dass sie endlich ist und nicht, wie es sich irgendwann anfühlen wird, wenn sie in den Knochen sitzt oder tatsächlich verrinnt. Aber wie schön muss es sich anfühlen, wenn du zurückblickst und siehst, wie oft du mutig warst und dich getraut hast, auszubrechen, dich auszudrücken und zu erschaffen. In Summe komme ich auf viele Momente, in denen ich mir selbst im Weg stand, Entscheidungen nicht mutig fällte oder sie anderen überließ.

»Alles ist ok, wenn es von dieser leisen Stimme in dir selbst kommt, die nur will, dass du für dich losgehst.«

Die Angst arbeitet schnell und präzise und weiß alle Möglichkeiten im Keim zu ersticken – wie jetzt, genau in
diesem Moment, in dem sie mir einflüstert, dass es Themen auf dieser Welt gibt, die wichtiger seien als das hier. Das, was mich beschäftigt. Bist du nicht dankbar für alles, was du hast? Doch, bin ich, aber das hält mich nicht davon ab, über das zu schreiben, was ich beobachte und fühle. Es ist für mich, aber noch mehr ist es für dich, wenn du es gerade hören musst: Es ist ok, diesen Menschen zu lieben, sich hingezogen zu fühlen und es zu zeigen, ja, zu lieben. Es ist ok, nicht erfüllt mit dem Job zu sein, mehr zu suchen und zu wollen. Es ist ok, deine Gedanken und Gefühle auszusprechen, verletzlich zu sein, dein Innerstes mit der Welt teilen zu wollen und deine Kreativität auszuleben. Und diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Alles ist ok, wenn es von dieser leisen Stimme in dir selbst kommt, die nur will, dass du für dich losgehst. Ihr Bestreben ist nicht, dir wehzutun, sondern dich voranzubringen. Lieben schenkt Kraft, sich leidenschaftlich einer Aufgabe zu verschreiben und sich kreativ auszudrücken, bringt Erfüllung.

All das kann gleichzeitig überwältigend und angsteinflößend sein, aber wenn wir bedenken, dass zwischen Endlichkeit und Sehnsucht oft nur wenige Augenblicke Ungewissheit sind, würde ich vorschlagen, springen wir beim nächsten Mal einfach und schauen, was passiert: Manchmal bedarf es nur ein bisschen Mut für den freien Fall.

2 Comments

  1. 3. März 2019 / 20:59

    Irgendwie habe ich diesen Beitrag genau heute gebraucht. Mir kamen wirklich die Tränen, was du da sagst hat mein Herz so tief berührt. Ich danke dir. Wirklich. Toller Beitrag:)

    • 3. März 2019 / 22:03

      Ich danke dir! Schön, wenn er dir gefallen hat und zur richtigen Zeit kam. 🙂

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