Must-Read: Harry Potter and the Cursed Child by Joanne K. Rowling, John Tiffany & Jack Thorne

Als bekannt wurde, dass es ein Theaterstück und eine achte Geschichte zu Harry Potter geben würde, wusste ich zunächst nicht, was ich davon halten sollte. Zwar hatte ich mir mehr als einmal ausgiebig Gedanken über die Next Generation gemacht, doch was wäre, wenn die Dramenform einfach nicht den Zauber der anderen Bücher aufrecht erhalten würde und was, wenn mir die Kinder der Helden nicht gefielen? Das Goldene Trio wäre erwachsen – was, wenn mir ihre Probleme und Sorgen zu fern erscheinen würden? Ich hatte wirklich Angst, der Funke würde einfach nicht überspringen.

Richtige Aufregung erfasste mich dann auch erst am Abend des 30. Juli, als mir einfiel, dass Harry Potter and the Cursed Child einen Tag später erscheinen würde und was soll ich sagen? Wenn einmal die Neugier entfacht ist und es sich um Harry Potter dreht, dann kann ich mich dem einfach nicht entziehen. Also konstruierte sich mein Kopf eifrig Möglichkeiten, an das Buch zu kommen und fand schließlich die Lösung, dass der Haushalt neue Müllbeutel bräuchte und eine Fahrt zum Hauptbahnhof deswegen unvermeidbar war. Gesagt getan! Zwar kam ich wie ein Trauerkloß nachhause, weil es das Skript im Buchladen nicht gab – aber dann wurde es eben einfach das Ebook! Und ich inhalierte die Geschichte an diesem Sonntag, es war wie nachhause kommen.

Vielleicht haben einige von euch noch Zweifel, ob sie das Abenteuer antreten sollen und dieser Beitrag zerstreut eure Sorgen. Um das Leseerlebnis nicht zu zerstören, werde ich auf Spoiler und eine genaue Inhaltsbeschreibung verzichten – ich wusste ehrlich selbst nicht, was mich erwartet, aber es war – wie könnte es auch nicht? – großartig! Und natürlich magisch!


Ich kann mir das in Skriptform nicht vorstellen, wie doof ohne Beschreibungen!

Diese Sorge kann ich wirklich entkräften, denn ich hatte keinerlei Probleme, die Welt wieder lebendig werden zu lassen. Klar, ist es zunächst ungewohnt und viele werden wahrscheinlich aus der Schulzeit keine guten Erinnerungen an die Dramenform haben, aber bei Harry Potter ist das einfach etwas komplett anderes. Jeder Potterhead hat in sieben Abenteuern Rowlings Beschreibungen aufgesaugt, deswegen wird es an der Fantasie einfach nicht mangeln. Sobald man zu Beginn der Szene sieht, wo es spielt, bauen sich Bilder im Kopf auf. Die Dialoge sind – natürlich – zentral und tragend und unglaublich stark. Es ist beeindruckend, wie alle Eigenschaften unserer Helden und die der neuen Charaktere darüber transportiert werden.

Natürlich hätte die klassische Romanform das Ganze gestreckt, ausstaffiert und das Leseerlebnis hätte sich über mehrere Tage hingezogen, aber ich bin von dieser Umsetzung im Nachhinein wirklich begeistert. Es muss einfach großartig sein, die Geschichte auf der Theaterbühne zu sehen!

Das Goldene Trio ist alt, ob mir das gefällt?

Es stimmt, da sind einige Jahre ins Land gegangen und Harry, Ron und Hermione haben sich weiterentwickelt. Doch gleichzeitig sind sie noch immer die, die man vor Jahren hat ziehen lassen. Sie sind Freunde und noch mehr zu einer Familie geworden. Zwar haben sich ihre Probleme etwas verlagert, aber nicht so fern oder fremd, dass sie einen damit vor den Kopf stoßen könnten. Ich habe mich so gefreut, sie wiederzusehen und zu erfahren, wie es ihnen ergangen ist. Und dann, ganz ehrlich, habe ich mich noch mehr darüber gefreut. Glaubt mir, kein Fan wird vor den Kopf gestoßen, sondern auf ein weiteres magisches Abenteuer entführt.

Wer weiß, ob mir die Kinder überhaupt gefallen!

Um ehrlich zu sein, hat mich kaum etwas so beeindruckt wie die Kinder von Harry, Ginny, Ron, Hermione und Draco kennenzulernen und zu sehen, wie sich der Ruhm ihrer Eltern auf sie ausgewirkt hat oder welche Allianzen sich bilden und welche Freundschaften in Hogwarts enstehen. Ich hatte natürlich meine eigenen Vorstellungen und einige bestätigt und andere widerlegt zu sehen, hat großen Spaß gemacht.

Kommt da überhaupt Spannung auf?

Es ist Harry Potter! Es sind Hogwarts und die Zaubererwelt, es geschehen Dinge, die einfach magisch sind. Und dennoch habe ich nun schon einige enttäuschte Stimmen gehört, die das Ganze zu vorhersehbar, zu fanfiction-haft, zu überspitzt, zu unlogisch … einfach bitte ein negatives Adjektiv einsetzen und man hat ein gutes Bild von dem momentanen Gemecker. Jeder hat das Recht, die Geschichte nicht zu mögen, aber ich wünsche mir doch mehr Reflexion und Information über die Art und Weise, wie Theaterstücke geschrieben werden.

Ich weiß ja nicht, wie viele schon selbst einmal Theater gespielt haben oder Stücke angesehen haben, aber die Bühne und Dramen leben von Verwechslungen und Übertreibungen – viel mehr noch: als Schauspieler muss man viel mehr in Minik, Gestik und Sprache überspitzen als beispielsweise im Film, weil es sich auf den Zuschauerraum übertragen soll, es soll selbst der in der letzten Reihe noch berührt werden. Ebenso hat man nicht den Raum dafür, hundert verschiedene Gesichter ins Feld zu führen, sondern ein Ensemble, dessen Schauspieler auch in unterschiedliche Rollen schlüpfen.

Als Zuschauer ist man quasi die ganze Zeit gefordert – die Stimmung, die Dialoge, die Atmosphäre: alles muss stark und eindringlich sein, damit es hängen bleibt und man der Handlung auf der Bühne folgen kann. Es bleibt keine Zeit für Rowlings berüchtigtes Ich-streue-hier-einen-Hinweis-in-Teil-Zwei-für-Teil-Sechs, weil das schlicht niemand verstehen würde. Und man folgt ja dem Geschehen auf der Bühne und liest nicht noch nebenbei das Skript mit.

Das Universum, das Rowling geschaffen hat, musste für die Bühne auf das Wesentliche „reduziert“ werden – was mit Bravour gelöst wurde. Charakteristische Elemente des Theaters wurden beibehalten, auch ein Verwechslungsspiel, das im letzten Akt aufgelöst wird. Das Wesen von Dramen zu kritisieren, die sich selbstverständlich vollends vom Roman unterscheiden, finde ich unangemessen. Die Geschichte nach Rowlings Ideen musste für die Bühne angepasst werden, sie musste funktionieren, konstruiert werden, einem Spannungsbogen folgen – und das tut sie. Genau die Dramenform ist auch der Grund, wieso die Handlung so ist, wie sie ist und nicht noch jemand anderes aus dem Ärmel geschüttelt wird, sondern man eben auf einen uns bekannten Charakter zurückgreift, mit dem arbeitet, was wir kennen – weil schlicht keine Zeit bleibt, es alles stichfest für die Naserümpfler vorzukauen. Nein, auf der Bühne muss alles schneller gehen. Viel muss auf das Wesentliche eingeschrumpft werden: und das ist in Ordnung.

Und wie bei allem hat man auch hier die Wahl, die Dinge nicht zu glauben und sich eine zweite Wahrheit zu konstruieren, die über die letzte Seite hinausgeht. Just saying!

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das eine emotionale Achterbahnfahrt wird.

Wenn du ein Potterhead bist, dann kannst du dir da wirklich sicher sein, denn wenn sich all die Erinnerungen in dir regen und du bekannte Charaktere wiedertriffst, wirst du wahrscheinlich schnell zu den Taschentüchern greifen. Aber auch die Szenen und Dialoge sind so gestaltet, dass sie starke Emotionen vermitteln können, wirklich. Und die Gattung Drama bedeutet ja auch nicht gleich Packungsbeilage oder Betriebsanleitung.

Da haben doch noch zwei andere mitgeschrieben… Vielleicht ist das gar nicht mehr die Welt, die wir kennen!

Hallo, wir reden hier über Joanne K. Rowling, die das Zepter in der Hand hatte und daran mitgewirkt hat! John Tiffany und Jack Thorne waren aufgrund ihrer Expertise im Team, aber es ist Rowlings Welt. Das spürt man und auch, wie sie die Fäden gesponnen hat. Ich bin überzeugt, dass sie uns niemals mutwillig enttäuschen würde. Und darf ich betonen, dass es alles auf ihren Ideen beruht? Ich wette, in Romanform und 1000 Seiten mehr hätten selbst die Kritiker ihr die Füße geküsst.

Macht das überhaupt Sinn, wenn man sich das Stück eh nicht in absehbarer Zeit ansehen kann?

Natürlich! Obwohl man danach schon mal mit Sparen anfängt, damit man es sich leisten kann, nach London zu fliegen und das Stück zu sehen. Allein für den Genuss, wieder in die Welt geführt zu werden, lohnt es sich in meinen Augen schon. Aber natürlich entfaltet das Abenteuer erst im Spiel und mit der Ausstattung und den Effekten seine volle Wirkung. Dass ein Skript nicht allein 100% gibt, sollte jedem klar sein. Da ist dann die eigene Fantasie gefragt, wenn man zuhause auf dem Sofa sitzt.

Zusammengefasst: Warum lohnt es sich?

Es ist die Welt, die wir alle kennen und lieben und in die wir zurückkehren dürfen. Aber Nostalgie sollte nicht der einzige Grund sein, auch wenn mit vielen Facetten davon gespielt wird. Es ist ein Wiedersehen mit alten, aber auch neuen Charakteren und eine eigenständige Geschichte in der Welt von Harry Potter, die eben genau mit den Bereichen von Magie spielt, die die Leser schon immer am meisten fasziniert haben.

Das Stück ist mit so viel Witz und Liebe geschrieben, schafft Spannung und weckt Emotionen. Es ist eine vollkommen neue Erfahrung, die Welt auf diese Weise wahrzunehmen, aber eine, die sich wirklich lohnt. Bei mir persönlich blieben die Augen natürlich nicht trocken, auch wenn es eher Freudentränen waren. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so glücklich war, eine Geschichte erleben zu dürfen.

Es bietet sich ferner an, gewisse Grundkenntnisse über die Unterschiede der Gattungen Epik und Drama zu besitzen und zu googeln, was ein Skript ist. Ein solides Wissen darüber, wie Theater und Dramaturgie auf der Bühne funktionieren, sind ebenso erforderlich. Es muss natürlich trotzdem nicht jedem gefallen, aber vielleicht einfach wie damals im Deutschunterricht vor den Tiraden und Nicht-Mögen überlegen: wieso wurde etwas wohl auf diese Art und Weise inszeniert?

Nach dem Lesen von Harry Potter and the Cursed Child denke ich, Joanne K. Rowling hat uns ein weiteres Geschenk gemacht. After all this years? Always.

eurelaura

 

 

 

Ps. Schreibt mir bitte unbedingt, wie es euch gefallen hat! 🙂

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