Review: GIRLBOSS

Es dauert im alltäglichen Leben nur Millisekunden und schon haben wir uns einen ersten Eindruck von einem Menschen gebildet. Das (Ver)Urteilen ist dann nicht mehr weit. Die neue Netflix-Serie GIRLBOSS hätte ich beinahe abgebrochen. Meine Meinung zur ersten Staffel folgt heute.

GIRLBOSS-Medienmaedchen-Serie-Review

Worum geht’s?

GIRLBOSS basiert lose auf dem Leben und den Erfahrungen der Unternehmerin Sophia Amoruso, die im Jahr 2014 ihr gleichnamiges Buch mit Hashtag veröffentlichte.

Dieses sprang dem täglichen Instagram-Nutzer dann praktisch auf jedem zweiten Lifestyle-Profil entgegen und zahlreiche Blogger priesen es das Werk schlechthin für die Business-Frau von morgen an. Ob was dran ist, kann ich nicht beurteilen, da ich das Buch (noch) nicht gelesen habe.

Sophia Amoruso hat ihr Modeimperium Nasty Gal praktisch aus dem Nichts gegründet – von der Schulabbrecherin zur Selfmade-Millionärin. Die erste Staffel von GIRLBOSS ist daher eine Mischung aus Sinnsuche, Ebay-Shop-Anfängen und dem der Marke Nasty Gal.

Thank you, San Francisco

Mein erster Eindruck von GIRLBOSS war alles andere als positiv. Ich hatte das Gefühl, als wäre der einzige Anspruch bei der Produktion gewesen, etwas ganz Cooles erschaffen zu wollen – was der Sympathie für die Charaktere zu Lasten fiel. Mit Sophia (Britt Robertson) hatte ich es besonders schwer. Sie ist in ihren Zwanzigern, hangelt sich von Job zu Job und besticht vornehmlich durch ihre Art anzuecken.

Sophia unterscheidet sich von anderen Figuren in Serien darin, dass sie rücksichtlos auftritt, egozentrisch anmutet, andere verletzt, laut und aggressiv ist und mehr als einmal klaut.

Nein, Moment! Und diese Erkenntnis machte dann so einen gewaltigen Unterschied, dass ich die Serie doch weiterschaute: Sophia unterschied sich gar nicht so sehr von anderen Figuren! Sie unterschied sich einfach nur von vielen weiblichen Figuren in Serien, die gemeinhin entweder als moralischer Kompass fungieren oder sich „zu benehmen“ wissen.

Bei männlichen Hauptfiguren ist dieses Verhalten häufiger an der Tagesordnung und zu meinem Schrecken musste ich feststellen, dass ich den ständig klauenden Pete Murphy in Sneaky Pete sogar sehr sympathisch und cool gefunden hatte. WTF? Naja, Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, oder? Also stand für mich fest: ich würde Sophia akzeptieren und weiterschauen!

Deswegen werde ich nicht wie so viele andere Kritiken auch, Sophias Unlikeability hervorheben und darauf meine Bewertung ausrichten, denn es geht mir gehörig gegen den Strich, dass moralisch hochgradig verwerfliche Charaktere wie Walther White, Dexter, Tony Soprano etc. von Massen gefeiert werden, ihre Frauen jedoch den geballten Unmut der Fans abbekommen (vgl. Gormász 2015, S. 171ff.).

Damit verglichen ist Sophia einfach nur eine junge Frau mit Wutausbrüchen, die noch nicht ihre Leidenschaft entdeckt hat und weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Aber eben keine Drogenköchin oder Serienmörderin.

Ladyshopper99 & Did you see Saw?

GIRLBOSS ist eine Komödie, deren Inszenierung mir an vielen Stellen ausgesprochen gut gefiel. Die 2000er-Vibes sind grandios, die Dialoge schräg und jeder, der sich an dieses Jahrzehnt erinnert, wird gewiss seinen Spaß haben. Denn nostalgisch wird man bei Erwähnungen von MySpace oder O.C. California ja schon ein bisschen.

Auch was den Look angeht, weiß GIRLBOSS zu überzeugen, denn die Outfits und die Vintage-Stücke, die Sophia ausgräbt, sind wirklich cool. Einen großen Pluspunkt bekommen zudem San Francisco, das sich von seiner schönsten Seite zeigt, und die Musikauswahl von mir.

Aus diesem Mix entstehen fast denkwürdige Szenen – so wird etwa die Kommunikation in einem Chatroom dramaturgisch umgesetzt (ich bin ehrlich fast lachend vom Stuhl gefallen). So gut! Und auch die „Sophia don’t do bridges“-Szene hallt wahrscheinlich noch eine Weile nach.

I Come Crashing…

In GIRLBOSS gibt es allerdings auch ein paar ruhige, einprägsame Momente (glaubt nach dem Video sicher keiner), in denen Sophia ganz still wird und sich mit ihrem Leben auseinandersetzt.

Oder in denen die Beziehung zu ihrem Vater beleuchtet wird, die mir fast das Herz brach, denn vielen wird diese Situation mit den Eltern bestimmt bekannt vorkommen. Eltern wollen meistens das Beste für ihr Kind – aber was, wenn diese Vorstellung nun mal nicht dem entspricht, was einen selbst glücklich macht oder man keine Ahnung hat, was man aus diesem einen Leben machen will?

Die letzten Folgen hauten mich dann qualitativ richtiggehend um! Ich empfand großen Respekt für Sophia (und Britt Robertsons großartige Performanz), sodass ich am liebsten noch eine 14, 15, 16 Folge angeschaut hätte.

An dieser Stelle möchte ich zudem noch einen anderen Aspekt hervorheben, denn GIRLBOSS präsentiert eine der realistischsten Trennungen in den Zwanzigern, die ich on screen je verfolgt habe. Sophia hatte mich.

Mein Fazit

Die ersten Folgen erfordern etwas Geduld, aber GIRLBOSS ist gute und kurzweilige Unterhaltung. Die Serie wird im Verlauf und ab dem Moment, in dem Sophia ihre Leidenschaft entdeckt immer besser. Auch die Nebencharaktere wachsen ans Herz. Musikalisch und visuell ist GIRLBOSS ebenfalls überzeugend.

Habt ihr GIRLBOSS geschaut? Und wie fandet ihr es?

 

Quellenangabe:

Gormász, K. (2015). The Good Wife? Von Gangstergattinnen und dem Skyler-White-Effekt. In: Walter White & Co. Die neuen Heldenfiguren in amerikanischen Fernsehserien. Konstanz: UVK. S. 171-203.

Merken

Merken

Merken

Merken

4 Comments

  1. 6. Mai 2017 / 16:33

    Hey Laura!
    Das klingt richtig cool.
    Vielleicht schaffe ich es bald endlich mal in die Serie reinzuschauen.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!
    Nicci

    • 7. Mai 2017 / 11:59

      Es freut mich, wenn ich dich neugierig machen konnte! Wünsche dir auch noch einen schönen Sonntag! 🙂

  2. 7. Mai 2017 / 17:40

    Nach dem Trailer wusste ich ehrlich gesagt nicht, ob ich die Serie schauen mag, aber durch deine Review hast du mir schon Lust gemacht. Die Serie kriegt also doch eine Chance.

    • 8. Mai 2017 / 9:36

      Das freut mich sehr! 🙂 Ja, probiere es einfach mal aus!
      Liebe Grüße
      Laura

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.