Warum Germanys Next Topmodel eine Dauerwerbesendung ist und sich kein Mensch mehr für DSDS interessiert

Gut, diese beiden Aussagen sind nicht wirklich neu oder schockierend. Ich meine, man muss schon blind sein, wenn man das immer penetranter werdende Product-Placement, welches sich durch mittlerweile 15 Staffeln GNTM mit fast dreister Selbstverständlichkeit zieht, nicht bemerkt. Ebenso wirkt die 13. Staffel Deutschland sucht den Superstar nur noch wie ein Schatten seiner selbst und versucht sich von Episode zu Episode über Sensations- uns Skandalbeiträge zu retten. An dieser Stelle könnt ihr euch auch mal selbst auf die Schultern klopfen, falls ihr ähnliche Gedanken zu diesen beiden und auch anderen Castingshows hegt. Denn dann kann ich euch sagen, mit euren Augen, Ohren und vor allem eurem Anspruch an Unterhaltung ist alles in Ordnung.  Dazu muss ich vornweg gestehen, ich könnte diesen Beitrag hier natürlich nicht verfassen, wenn ich nicht die eine oder andere Staffel GNTM (naja vielleicht auch alle…Aber das nur, weil die Privaten und Öffentlich-Rechtlichen zu dieser Zeit einfach nicht mit Zickenkrieg und Schminktipps von Boris mithalten konnten)gesehen hätte. Also, bevor ihr mich verurteilt, oder mein Verurteilen verurteilt, gebe ich offen und ehrlich zu: Auch ich sehe mir Casting-Shows an und lasse mich gern, nennen wir es etwas flach unterhalten. Bevor ich hier wieder die altbekannte Debatte des bildungsfernen und unterhaltungslastigen Fernsehprogramms und dessen negative Auswirkung auf den Intellekt und die Interessen der Rezipienten heraus krame, sage ich an dieser Stelle: hier soll es um etwas anderes gehen. Seien wir mal ehrlich, wir sind alle Menschen, wir alle schauen gern mal, wie eine Darya ihre verspätete Pubertätsphase im Fernsehen raushängen oder ein Menderes zum gefühlt millionsten Mal vor einen Dieter Bohlen tritt und sich beleidigen lässt. Wer das nicht tut, auch ok. Doch das Problem, dem ich mich widmen will, beschreibt die Tatsache, dass sich all diese Casting-Shows mit zunehmender Staffelzahl vehement verschlechtert haben. Doch warum ist das so? Oder kommt das uns das nur so vor, weil die Ideenteams mittlerweile nur noch im selben Saft schwimmen? Ich habe dazu meine eigene nette Theorie:

Die Reduzierung der Show-Inhalte auf die menschlichen Urinstinkte der Unterhaltung.

Instinkt #1: Witz.

Ja, am Anfang waren die melodischen Einspieler und witzigen Comic-Animationen bei DSDS noch amüsant. Etwas platt und Badum-Tss-mäßig, aber es war bis dato etwas Neues und man konnte zumindest drüber schmunzeln. Immerhin hatte DSDS dann auch wieder seine ernsten Momente und gesanglichen Höchstphasen. Es ist zwar schon einige Jahre her, doch ich meine Kandidaten á la Maik Leon Grosch oder Juliette wirkten wie erwachsene, reife Menschen, die einfach nur ihrer Leidenschaft frönten und etwas Starglanz abbekommen wollten. Aber wer will das denn bitte heute noch sehen? Anscheinend niemand, denn gefühlt schlagen die Casting-Lager nur noch ihre Zelte in sozialen Brennpunkten und an Hauptschulen auf. Denn die Kandidaten werden immer jünger, haben immer unrealistischere Ziele und anscheinend auch absolut keine Vorstellung von einem normalen, down-to-earth Leben. Sie wollen alles oder nichts. Ruhm oder Straße. Und die Leute unterhält es. Das ist leider auch nicht mehr witzig, eher traurig.

Instinkt #2:  Schadenfreude.

Ich habe den Eindruck, die Casting-Shows beschränken sich nur noch auf den menschenverachtenden und bloßstellenden Affentanz (vor allem DSDS), an dem sich genauso minder begabte Zuschauer vor ihrer Glotze ergötzen können. Sei es der zehnte Möchtegern-Sänger, der meint, Hyper Hyper von Scooter besonders gut imitieren zu können. Oder sei es das zwanzigste Mädchen bei GNTM, dass sich mal wieder auf die Fresse legt, weil es einfach nicht auf 40 Zentimeter Absätzen laufen kann, während es mit einem Komodowaran auf den Schulterns über vereiste Glasscherben laufen muss.

InstinkT #3: Mitleid.

Ach, dein Cousin dritten Grades ist vor 10 Jahres gestorben? Warte, wir legen noch eine ultra traurige Klaviermusik drunter, und wenn du fertig bist mit reden, dann spielen wir diesen akustischen Schockstarre-Donner ein, bevor wir in einer seichten Schwarzblende auf deine Tränen zoomen. Also mal ehrlich bitte: welcher Kandidat hatte nicht einen traurigen Todesfall, tödliche Krankheiten oder andere schwere Schicksalsschläge? Gehört das zu den Teilnahmebedingungen? Shows wie DSDS bedienen sich nur allzu gerne dieser künstlichen Tragik, anscheinend um dem Lachflash, erzeugt durch eine weitere Comic-Animation, Einhalt zu gebieten. Glücklicherweise betreibt GNTM dies nur in begrenztem Rahmen. Geweint wird trotzdem. Am Telefon, am Set, beim Streiten. Ihr kennt das ja.

Instinkt #4: Sensationsgeilheit.

Ja gut, wer hatte Mitleid mit Lisa, als diese in der aktuellen Staffeln umgeknickt (Bunte.de: „HORRORSTURZ!!!“) ist? Niemand? Habe ich mir gedacht. Obwohl man sagen muss, dass da echt mega viel Glitter war und das bestimmt für alle voll schwer und glatt war und OMG!?!?! Ok, das war nicht worauf ich hinaus wollte. Aber jeder Vorfall, ob Bitchfights, Läster- und Mobbingattacken oder Techtelmechtel unter den DSDS-Kandidaten sind anscheinend der Pfeffer in der Suppe oder zumindest der Grund, nach der Werbepause wieder an der Mattscheibe zu kleben.

Instinkt #5: Konsum.

Pinke Koffer, Ice-Watches, Make-up…die Mädels bei GNTM werden regelmäßig reich beschenkt (was in den letzten Jahren auch immer maßloser zu werden schien). Und das natürlich nicht, um den lieben, hart hungernden Kleiderbügeln eine Freude zu machen. Denn noch lieber sehen es die Produzenten, wenn nicht nur die Augen der Kandidatinnen leuchten, sondern wenn auch Zuschauer natürlich vollkommen subtil ein neues In-Produkt vorgestellt und angepriesen bekommen. Dieser Punkt war eigentlich der Grund, diesen Beitrag hier zu verfassen. Besser war es diese eine Szene, in welcher drei Mädels im Bad standen und sich synchron und mit liebevoller Hingabe ihrem neuen Gesichtsreinigerbrüstendingens widmeten. Da gab es auch gleich mal eine fünf sekündige Nahaufnahme, wie das pinkfarbende Gerät aus seiner Tasche geholt und präpariert wird. Natürlich war es vollkommener Zufall, dass der Markenname dick und fett ins Bild rutschte. Das absurde dabei: die Mädchen unterhielten sich währenddessen über etwas vollkommen anderes. Das Ganze wirkte aber dadurch so zusammenhangslos, das mein kontextverliebtes Hirn in diesem Moment diese reine Werbesendung und das ernsthaft Erzähle überhaupt nicht miteinander koppeln konnte. Auf was soll ich mich konzentrieren? Auf die Pickelbehandlung der Mädchen oder auf das Lästergespräch? War wohl der Praktikant am Drehbuch verfassen. Gut, es geht auch schlimmer: beispielsweise Situationen, die absolut keinen Zweifel daran lassen, dass das Produktionsteam den Mädchen einige Produkte in die Hand drückt und anscheinend den Befehl gibt, sich darüber vollkommen natürlich und locker drei Stunden zu unterhalten. Da tönen dem Zuschauer dann so ganz ungezwungene Sätze wie „Oh, welche Farbe soll ich denn heute für meinen Lippenstift wählen?“-„Nimm doch am besten den permuttaalfarbenen ohne Zusatzstoffe, der passt so wunderbar zu deinen Augen“. Ah ja. Und was haben wir jetzt davon? Einen verurteilten DSDS-Sieger und ein Topmodel nach Losverfahren. Was hat die Unterhaltungsindustrie davon? Keine Ahnung, aber bestimmt mehr Motivation in die nächsten Staffeln zu gehen als wir. Abschließend möchte ich sagen: Unterhaltungsfernsehen darf und soll natürlich ein Teil unserer Fernsehkultur bleiben. Aber bitte doch sollte das Publikum nicht gänzlich für dumm verkauft und mit dreisten Marketing-Maschen überhäuft werden. Leider scheint das in Zukunft aber nicht der Fall zu werden. Da gibt’s meistens nur eine Lösung: Glotze aus, Laptop auf und mal eine gute Serie anfangen. Zum Beispiel diese hier -> Eure Anne

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